1828 „sah“, wie der Historiker Theodor Mommsen (1817 – 1903) im Jahr 1873 berichtete, der Kärntner Historiker Heinrich Hermann (1793 – 1865) in der Pfarrkirche Althofen „in der Kapelle der Heiligen Anna unter dem Chor“1 einen römischen Grabstein mit folgender Inschrift:2
D ·M
COMMODI
FRATIS
ET ·COMMO
DINI NEP
FINITVS ·CL
PRISCI · FEC
Die Buchstaben DI von COMMODI, RI von PRISCI und das Wort ET sind als sogenannte Ligaturen zu einem Buchstaben verschmolzen, wobei das I als Schaft vom D beziehungsweise R dargestellt wird und über die Zeile hinausragt. Löst man die bei der Inschrift erfolgten Abkürzungen auf, steht am Stein in Latein
D(is) M(anibus) / Commodi / fratris / et Commo/dini nep(otis) / Finitus Cl(audii) / Prisci (hoc monumentum) fec(it),
beziehungsweise auf Deutsch übersetzt
Für die göttlichen Seelen des Bruders Commodus, und des Neffen Commodinus errichtete Finitus, Sklave des Claudius Priscus, dieses Grabmal.

Grabstein von Commodus und Commodinus (2026) [Quelle: Stadtarchiv Althofen]
Zur Übersetzung von lat. Dis Manibus
Die Formel lat. Dis Manibus ist eine sogenannte attributive Verbindung zweier Hauptwörter im dritten Fall Mehrzahl und setzt sich aus den Hauptwörtern lat. pl. di ‚Götter‘ und lat. pl. manes ‚Manen ‘ zusammen.3
Der römische Schriftsteller Apuleius überlieferte im zweiten Jahrhundert n. Chr.4, dass unter Manen die Seelen der Verstorbenen zu verstehen seien und im Ausdruck di manes „der Begriff Gott (deus) auch nur ehrenhalber hinzugefügt worden“ sei.5 Zwar vermerkte nun auch der um 360 n. Chr. geborene6 römische Grammatiker Servius in seinem Kommentar zur Aeneis des Vergil (70 v. Chr. – 90 v. Chr.) beim Begriff manibus, dass die Manen „die Seelen zu jener Zeit [seien], in der sie von den einen Körpern zurückweichen, aber nicht auf andere hinübergegangen sind,“7 allerdings führte er auch an, dass „einige überliefern, die Manen seien die Unterweltsgötter; andere sagen, die einen [der Unterweltswesen, Anm. d. Verf.] seien die Manen, die anderen die Unterweltsgötter“. Die meisten aber überlieferten, so Servius abschließend, „wie die Himmlischen die Götter der Lebenden seien, so seien die Manen die Götter der Verstorbenen“.
Der Kommentar bei Servius zeigt aus meiner Sicht, dass der Begriff di manes seine wohl immer nur zusätzliche Bedeutung als göttliche oder vergöttlichte Seelen Verstorbener zu Servius Zeit schon fast gänzlich verloren hatte, weshalb er ihn erklären musste. Abgeschlossen ist der Prozess der Bedeutungsverengung auf Totengötter jedenfalls bei dem um 600 n. Chr.8 schreibenden Isidor von Svilla, der erklärte, dass die Römer als Manen „die Götter der Toten bezeichnen“.9
Zwar übersetzten nun sowohl der Kärntner Althistoriker Rudolf Egger (1882 - 1969) im Jahr 1927 als auch der Kärntner Archäologe Gernot Piccottini (1941 – 2018) im Jahr 1989 die Widmung des Grabsteines mit „den Totengöttern des Bruders Commodus und des Neffen Commodinus“.10 Da aber die Verstorbenen im zweiten Fall stehen, scheint mir die Deutung der di manes als Seelen der Verstorbenen treffender; eine Ansicht, die auch der Sachbuchautor Peter Bergmann (*1957) vertrat, der die Widmung mit „den Manen des Bruders Commodus und des Enkels Commodinus“ übersetzte.11
Zur Übersetzung von lat. nepos
Dass der als lat. nepos ‚Neffe, Enkel‘ bezeichnete Commodinus eher der Sohn des Commodus als der Enkel des Finitus war, erschließt sich daraus, dass die Namen der Kinder römischer Sklaven häufig den Namen ihrer Eltern, manchmal in leichter Abwandlung, entsprachen.12 Commodinus ist nun die Koseform des Namens Commodus im Sinne von ‚kleiner Commodus‘, wobei die Römer gerne ihre Kinder mit der Koseform ihre eigenen Namen bezeichneten, weshalb aus meiner Sicht Commodus wohl der Vater des Commodinus ist, womit dieser zum Neffe des Finitus wird.13
Zum Stand von Commodus, Commodinus und Finitus
Der Kärntner Historiker Michael Jabornegg von Altenfels (1797 – 1874) machte sich 1870 als erster Gedanken zu den Personen auf dem Stein, wobei er feststellte, dass es den Namen Commodus, Commodinus und Finitus an Vornamen mangele, „was vermuten lässt, dass die drei Personen Sklaven waren“, weshalb er „den Finitus für den Sklaven und nicht für den Sohn des Claudius Priscus“ halte.14
Der Name eines römischen, männlichen Bürgers bestand aus dem Vornamen (praenomen), dem Familiennamen (nomen gentile) und einem Zunamen (cognomen).15 Hatte dieser einen Sklaven, so bestand dessen Namen zu Beginn der römischen Kaiserzeit, also seit der Zeit von Kaiser Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.), aus dem Namen des Sklaven, gefolgt vom Familiennamen des Sklavenhalters im Genitiv, gefolgt von dessen Vornamen und der Bezeichnung lat. s(ervus) ‚Sklave‘, wobei der Vorname und die Bezeichnung als servus auch fehlen konnten.16 Die Althofener Inschrift ist also nur insofern untypisch, als dass sie neben den Familien- auch den Zunamen des Sklavenhalters nennt: Claudius Priscus.
Zur Datierung
Egger war der erste, der den Stein datierte. Er setzte ihn – allerdings, ohne dass wir wissen, warum – ins zweite Jahrhundert n. Chr. Der Historiker Markus Handy datierte den Stein in die „Adoptivkaiser- und Severerzeit“, also zwischen 98 n. Chr und 235 n. Chr., einerseits da eine Abkürzung des nomen gentile voraussetze, dass der abgekürzte Familienname schon allgemein in der Gegend verständlich wäre,17 andererseits da im Laufe der Zeit der Soldatenkaiser, also im 3. Jahrhundert, „die Praxis, Inschriften zu errichten […] deutlich zurück“ gegangen sei.18
Nun kam die Epigraphikerin Ingrid Weber-Hiden (*1959) in ihrer Auswertung der Soldatengrabmälern in Carnuntum, einer Römerstadt im heutigen Niederösterreich, bei der sich die Inschriften über den Stationierungszeitraum der jeweiligen Armeeeinheit datieren lassen, zu dem Schluss, dass die Verwendung der Grabformel Dis Manibus in Carnuntum „bis 101 n. Chr. mit keinem Beispiel belegt“ ist, es hingegen „aus dem 2. Jh. keine einzige vollständig erhaltene Inschrift ohne DM“ gebe.19 Dies passt zur allgemeinen Annahme, wonach, wie es der Epigraphiker Krešimir Matijević (*1975) zusammenfasste, die Formel Dis Manibus zu Beginn der Kaiserzeit aufkam, sich aber erst „von Italien aus nach und nach in den Provinzen durchsetzte“.20
Hinsichtlich der Verwendung von Ligaturen nahm man früher an, so Matijević, dass diese „erst ab 150 n. Chr. erscheinen“; allerdings finden sich Ligaturnen „schon im 1. Jahrhundert n. Chr.“, wobei deren „exzessive Nutzung […] aber tatsächlich erst ein Phänomen des 2./3. Jahrhunderts“ sei.21 Auch Weber-Hiden stellte bei ihrer Untersuchung der Grabsteine in Carnuntum fest, dass „generell […] die Verwendung von Ligaturen kein Datierungsmerkmal [ist], genauso wenig wie ihr Fehlen“; allerdings finden sich „I-Ligaturen durch Verlängerung des Buchstabens“, wie sie aus meiner Sicht am Althofener Stein vorkommen, gehäuft an der Wende von ersten zum zweiten Jahrhundert.22
Insgesamt stammt aus meiner Sicht der Stein aufgrund der Dis Manibus Widmung frühestens vom Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr., wobei die Ligaturen eine Verortung ins zweite oder dritte Jahrhundert wahrscheinlich machen mit der Tendenz ins zweite aufgrund der verlängerten I – Schäften bei den Ligaturen.
Zu den Fundumständen
Der Stein steht zwar in Althofen, aber wurden Commodus und sein Sohn wirklich hier begraben?
Mommsen berichtete 1873, dass der Historiker Hermann den Stein in der Pfarrkirche Althofen „sah“, nämlich „in der Kapelle der Heiligen Anna unter dem Chor“, und diese Information weitergab.24 1870 war der Stein noch an diesem Ort, denn Jabornegg schrieb damals, dass sich der Stein „in der Annakapelle der Pfarrkirche zu Althofen“ befinde.25 1889 befand sich der Stein aber schon „freistehend in der Sakristei“, wie die Kunsttopographie Kärntens aus diesem Jahr überliefert.26
Aus meiner Sicht wurde die Annakapelle um diese Zeit in jene Beinkammer umgebaut, die der Kunsthistoriker Karl Ginhart (1888 – 1971) im Jahr 1927 als „rund“ und „unter dem Chore“ der Pfarrkirche liegend beschrieb, und „deren Ringtonne auf einem achtseitigen Mittelpfeiler“ ruhe.27 Mit Chor war also nicht die Musikempore gemeint, sondern der Altarraum.
Seit spätestens 1927 befindet sich der Stein an seiner heutigen Stelle, denn der Historiker Hermann Braumüller (1886 – 1977) schrieb damals, der Stein sei „an der Nordseite [der Pfarrkirche] eingemauert“.28 Da die Sakristei, in die der Stein 1889 stand (s. o.), 1912 zur heutigen Marienkapelle umgebaut wurde,29 mag der Stein eben zu dieser Zeit in die Außenwand eingemauert worden sein.

Grabstein von Commodus und Commodinus an der Außenwand der Pfarrkirche (2026) [Quelle: Stadtarchiv Althofen]
Aufgrund der mir bekannten Quellen lässt sich also nicht bestimmen, ob der Stein ursprünglich aus Althofen, der näheren Umgebung oder vielleicht sogar aus Virunum am Zollfeld stammt.
Günther Jannach (August 2025)
Anmerkungen
1: Nach Jabornegg 1870, S. 113 befand sich der Stein „in der Annakapelle der Pfarrkirche zu Althofen“.
2: Mommsen 1873, S. 619.
3: Nach Kertelhein 1894, S. 6 ist eine Verbindung „Substantiv + Substantiv im gleichen Kasus“ eine Art der „attributiven Verbindungen“ im Lateinischen, wobei er explizit auch lat. di manes darunter versteht.
4: Nach Hammerstaedt 2002, S. 11 ergebe sich „das ungefähre Geburtsjahr des Apuleius in der Mitte bzw. zweiten Hälfte der Zwanziger des 2. Jh. n. Chr.“ aufgrund der in seinen Schriften genannten Freundschaften. Laut Manitius 1911, S. 17 werde „vermutet“, dass Apuleius die als Rede verfasste Schrift de Deo Socratis „um 160 oder 170 n. Chr. in Karthago gehalten hat“.
5: Apul., Socr. 14: Es „bildet die menschliche Seele eine Unterart der Dämonen, dann nämlich, wenn sie nach Ableistung ihrer Aufgaben im Leben ihrem Körper abschwört.“ Man bezeichnet sie als „Manis Deus. Genau genommen ist der Begriff Gott (Deus) auch nur ehrenhalber hinzugefügt worden“.
6: Schanz 1904, S. 156 legte die entsprechenden Quellenbelege dar.
7: Serv., Aen. § 3.63.
8: Isidor starb 636 n. Chr., wie Manitius 1911, S. 53 überzeugend darlegte.
9: Isid., orig. 8, 11.
10: Piccottini 1989, S. 22. Egger 1927, S. 38 übersetzte die Widmung mit „den Totengöttern des Bruders Commodus und Enkels Commodinus“.
11: Bergmann 2020, S. 28.
12: Nach Zlatuška 1967, S. 174 folge aus der Untersuchung von Baumgart, J.: Dissertation – Die römischen Sklavennamen, Breslau 1936, „dass es recht häufige Fälle gibt, dass die Kinder der Sklaven dieselben Namen wie ihre Eltern haben, respektive, dass ihre Namen von denen ihrer Eltern abgeleitet sind“.
13: Nach Zimmermann 1905, Sp. 350 sei das „Kosesuffix -inus- a […] besonders gern an das praen. des Vaters zur Bezeichnung des Söhnchens angehängt“ worden, wobei de Vit 1868 s. v. Commodinus den Namen Commodinus als Verkleinerungsform zu Commodus ansieht.
14: Jabornegg 1870, S. 113. Auch Egger 1927, S. 38 und Piccottini 1989, S. 22 sahen in Finitus den Sklaven des Claudius Priscus.
15: „Am Anfang der Kaiserzeit“, so Rix 1995, S. 724 f., umfasste „die offizielle Bezeichnung eines römischen Bürgers […] 5 Bestandteile“, nämlich Pränomen, Gentile, Filiation(sangabe), Tribus(sangabe), Cognomen, wobei „in der außerbehördlichen Praxis“ die Tribusangabe „meist“ fehle, und auf die Filiation, „wo sie sich diese aus dem Kontext ergab, etwa in privaten Inschriften“, verzichtet wurde.
16: “Zu Ende der Republik”, so Rix 1995, S. 726, hatte ein Sklavenname folgende Struktur: „Auf den Sklavennamen folgen das Patronusgentile im Genitiv, dann (Sigle des) Pratonuspraenomen(s) […] und s(ervus)“, wobei „die beiden letzten Elemente […] oft ungenannt“ bleiben.
17: Nach Schmidt 2013, S. 316 weisen „fehlendes Praenomen und abgekürztes Nomen gentile […] ins 3. Jh. n. Chr.“, allerdings ist in Noricum die Abkürzung Cl für Claudius aufgrund der Inschrift EDH (2026), Nr. HD020392, die Jaksch 1914, S. 80 aufgrund der Konsulangaben ins Jahr 168 n. datieren konnte, schon der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. belegt.
18: Handy 2026. Handy 2026 sah bei seiner neuerlichen Betrachtung des Steins, im Gegensatz zu Handy 2014, S. 67, in den Ligaturen kein Datierungsmerkmal mehr.
19: Weber-Hiden 2023, S. 268.
20: Matijević 2023, S. 79.
21: Matijević 2023, S. 78.
22: Weber-Hiden 2023, S. 271.
23: Mommsen 1873, S. 619: „Hermann ms, qui vidit a. 1828“. Publiziert wurde der Fund erstmals in den Wiener Jahrbücher der Literatur 1829, S. 37, wobei als Standort „in der Annakapelle unter dem Chore“ angegeben wurde.
24: Jabornegg 1870, S. 113.
25: Kunsttopographie Kärntens v. 1889, S. 4.
26: Ginhart 1927, S. 34.
27: Braumüller 1927, S. 11.
28: Der Kärntner Landbote, 19. Oktober 1912, S. 7 berichtete von der im Zuge der Renovierung „in eine Louvdeskapelle umgewandelte alte Sakristei“.
Quellen
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EDH (2026) = Epigraphische Datenbank Heidelberg, URL: edh.ub.uni-heidelberg.de), abgerufen März 2026.
Isid., orig. = Isidori Hispalensis episcopi Etymologiarum sive Originvm libri XX.
Kärntner Landbote = Kärntner Landbote – Ein katholisches Wochenblatt für das Volk Kärntens, Klagenfurt 1894 – 1914.
Serv., Aen. = Servius: Commentarius in Vergilii Aeneida.
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